Glutensensitivität / Weizen-Sensitivität

Pathogenese der Gluten-/Weizensensitivität
Die genauen pathogenetischen Ursachen der Gluten-/Weizensensitivität (engl. Non Coeliac Wheat Sensitivity, NCWS, NCGS) sind noch nicht vollständig erforscht. Sicher ist jedoch, dass es sich weder um eine Autoimmunreaktion wie bei Zöliakie noch um eine klassische allergische Reaktion handelt.
Immunologische Mechanismen bei Gluten-/Weizensensitivität
Obwohl die genaue Pathogenese der Gluten-/Weizensensitivität noch nicht vollständig geklärt ist, deuten aktuelle Daten auf eine zentrale Rolle des angeborenen Immunsystems hin. In Darmbiopsien von Betroffenen wurde eine erhöhte Expression von Toll-like-Rezeptor 2 (TLR2 – spielt eine Rolle bei der Erkennung von Glutenbestandteilen und der Auslösung entzündlicher Immunreaktionen) und eine verminderte Expression des Treg-Markers FOXP3 (Transkriptionsfaktor, der für die Entwicklung und Funktion regulatorischer T-Zellen entscheidend ist und eine zentrale Rolle bei der Aufrechterhaltung der Immuntoleranz spielt) festgestellt.
Glutensensitivität: Hinweise auf Darmentzündung
Bei Betroffenen wurden entzündliche Veränderungen im Dünn- und Dickdarm beobachtet. Obwohl keine villösen Veränderungen wie bei Zöliakie auftreten, zeigen viele Betroffene eine leicht erhöhte Anzahl intraepithelialer Lymphozyten (IELs). Auch eine erhöhte Mastzellzahl im Duodenum wurde festgestellt, was mit stärkeren Symptomen wie Bauchschmerzen und Blähungen korreliert.
Glutensensitivität: Störung der Darmbarriere und Mikrobiota
Studien zeigen erhöhte Serumspiegel von löslichem CD14, LPS-bindendem Protein und Antikörpern gegen mikrobielle Produkte (z. B. LPS, Flagellin). Diese Marker korrelieren mit erhöhtem FABP2, einem Hinweis auf intestinale Schädigung. Auch Hinweise auf eine intestinale Dysbiose wurden bei Betroffenen festgestellt.
Glutensensitivität: Ursachen zwischen Gluten, ATIs und FODMAPs
Die Rolle von Gluten als alleiniger Auslöser ist umstritten. Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit zeigte, dass nur 8 von 16 doppelblinden, placebokontrollierten Studien eine signifikant stärkere Symptomreaktion auf Gluten im Vergleich zur Kontrolle fanden.
Zunehmend rückt daher die Bedeutung anderer Weizenbestandteile in den Fokus. Weizen enthält hohe Mengen an Fruktanen, die zu den FODMAPs zählen. Eine FODMAP-arme Ernährung hat sich insbesondere bei Reizdarmpatienten, deren Symptome sich mit NCWS überschneiden, als hilfreich erwiesen. Studien zeigen, dass eine Kombination aus glutenfreier und FODMAP-reduzierter Ernährung die Beschwerden weiter lindern kann.
Amylase-Trypsin-Inhibitoren (ATIs) sind natürliche Abwehrstoffe in Getreidekörnern und machen etwa 2-4% der Weizenproteine aus. Sie sind resistent gegenüber Verdauungsenzymen, passieren die Darmschleimhaut und können das angeborene Immunsystem aktivieren und die Freisetzung proinflammatorischer Zytokine wie IL-8, IL-15 und TNF-α auslösen. Obwohl präklinische Studien eine proinflammatorische Wirkung zeigen, existieren bislang keine kontrollierten Humanstudien, die ATIs direkt mit Gluten-/Weizensensitivität Verbindung bringen.
Die Rolle des Nocebo-Effekts und der Erwartungshaltung
Aktuelle Studien liefern starke Hinweise darauf, dass die Erwartungshaltung einen erheblichen Einfluss auf die Symptomwahrnehmung bei Gluten-/Weizensensitivität hat. Teilnehmer:innen, die glaubten, Gluten zu konsumieren, berichteten signifikant stärkere Symptome – unabhängig davon, ob sie tatsächlich Gluten erhielten oder nicht. Umgekehrt berichteten Personen, die Gluten konsumierten, ohne es zu erwarten, deutlich mildere Symptome.
Aktueller Stand der Forschung
Die derzeitige Studienlage liefert keine ausreichende Evidenz, um spezifische Weizenbestandteile wie Gluten, FODMAPs oder ATIs als alleinige Auslöser der Gluten-/Weizensensitivität zu identifizieren. Die Ergebnisse sind inkonsistent und durch methodische Schwächen limitiert. Zudem spielt der Nocebo-Effekt offenbar eine zentrale Rolle bei der Symptomwahrnehmung. Künftige Studien sollten standardisierte Protokolle, gut definierte Patientenkohorten und geeignete Kontrollgruppen verwenden, um die Pathogenese besser zu verstehen. Die Suche nach validen Biomarkern bleibt entscheidend, um die diagnostische Unsicherheit zu überwinden und gezielte Therapieansätze zu entwickeln.
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