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Reizdarmsyndrom (RDS) – häufigste Erkrankung in der Gastroenterologie

Das Reizdarmsyndrom (RDS) gehört zu den häufigsten funktionellen Magen-Darm-Erkrankungen. Die genaue Häufigkeit ist jedoch schwer zu bestimmen, da die Symptome sehr unterschiedlich sind und oft unspezifisch bleiben.


Reizdarmsyndrom im Wandel: Epidemiologische Herausforderungen und weltweite Trends

Da das Reizdarmsyndrom ein klinisch heterogenes und nicht eindeutig abgrenzbares Krankheitsbild darstellt, gestaltet sich die Erhebung epidemiologischer Daten als schwierig. Die tatsächliche Prävalenz bleibt daher unklar. Aktuelle Schätzungen und Studien zeigen, dass weltweit etwa 11,2 % der Bevölkerung betroffen sind. Vor dem Hintergrund globaler Veränderungen in Ernährungsgewohnheiten und Lebensstil - insbesondere durch die zunehmende Verbreitung westlich geprägter Lebensweisen - ist in Zukunft mit einem weiteren Anstieg der Erkrankungshäufigkeit zu rechnen.

Komplexe Einflussgrößen auf die Häufigkeit des Reizdarmsyndroms

Die Prävalenz und Inzidenz des Reizdarmsyndroms variieren erheblich und sind stark abhängig von der verwendeten Definition, der Anzahl erfüllter diagnostischer Kriterien sowie vom Gesundheitsverhalten der Betroffenen, insbesondere der Inanspruchnahme medizinischer Versorgung. Häufig wirken bei der Entstehung des Reizdarmsyndroms sowohl genetische Faktoren als auch Umwelteinflüsse zusammen, deren Wirkung sich über die gesamte Lebensspanne erstrecken kann.

Einflussfaktoren im Überblick

Postinfektiöses Reizdarmsyndrom: Bedeutung akuter Gastroenteritiden

Etwa 10 % der Patientinnen und Patienten entwickeln nach einer akuten Gastroenteritis ein postinfektiöses Reizdarmsyndrom (PI-RDS). Auch nach sechs Jahren liegt die Prävalenz noch bei über 20 %. Vermutet werden anhaltende Immunreaktionen, Darmschleimhautstörungen und eine gestörte Darmflora als zugrunde liegende Mechanismen.

Weibliches Geschlecht

Das Reizdarmsyndrom tritt bei Frauen etwa zwei- bis zweieinhalbmal häufiger auf als bei Männern. Obwohl die genauen pathophysiologischen Mechanismen noch nicht vollständig verstanden sind, wird in der Literatur insbesondere auf hormonelle Unterschiede zwischen den Geschlechtern als möglichen Erklärungsansatz hingewiesen.

Psychische Belastungen und Kindheitstraumata

Zwischen psychischen Störungen - insbesondere Angst und Depression - und dem Reizdarmsyndrom besteht ein Zusammenhang, der auf einem gegenseitigen Beeinflussen beider Zustände beruht. Stress aktiviert die Hypophysen-Nebennieren-Achse und das autonome Nervensystem, was über eine vermehrte Corticotropin-Releasing-Hormon Ausschüttung zu veränderter Darmmotilität und erhöhter viszeraler Sensitivität führen kann.

Frühe traumatische Erfahrungen, insbesondere in der Kindheit, sind bei RDS-Betroffenen häufiger und erhöhen nachweislich das Erkrankungsrisiko – vermutlich durch Veränderungen des Mikrobioms/Darmflora und der Darm-Hirn-Achse.

Prävalenz Zöliakiebetroffener mit Reizdarmdiagnose

Bei Menschen mit Reizdarmsyndrom (RDS) wird eine erhöhte Dunkelziffer an nicht diagnostizierter Zöliakie vermutet. Fachgesellschaften empfehlen daher eine serologische Zöliakie-Diagnostik bei RDS, da die Prävalenz in dieser Gruppe bei etwa 3–4,5 % liegt. Laut aktueller S3-Leitlinie berichteten über 75 % von mehr als 1000 Zöliakie-Betroffenen vor der Diagnose über Symptome wie Bauchschmerzen und Blähungen. Über die Hälfte wurde fälschlich mit RDS oder psychischen Störungen diagnostiziert. Bei mehr als 20 % verzögerte sich die korrekte Diagnose um über zehn Jahre.

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Quellen

  • Layer P et al. Update S3-Leitlinie Reizdarmsyndrom: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie. Gemeinsame Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) und der Deutschen Gesellschaft für Neurogastroenterologie und Motilität (DGNM) – Juni 2021 – AWMF-Registriernummer: 021/016. Z Gastroenterol. 2021 Dec;59(12):1323-1415.
  • Oka P, Parr H, Barberio B, Black CJ, Savarino EV, Ford AC. Global prevalence of irritable bowel syndrome according to Rome III or IV criteria: a systematic review and meta-analysis. Lancet Gastroenterol Hepatol. 2020;5(10):908–17.
  • Lovell RM, Ford AC. Global prevalence of and risk factors for irritable bowel syndrome: a meta-analysis. Clin Gastroenterol Hepatol 2012; 10: 712–721.e714
  • Sulaimi F, Ong TSK, Tang ASP, Quek J, Pillay RM, Low DT, Lee CKL, Siah KTH, Ng QX. Risk factors for developing irritable bowel syndrome: systematic umbrella review of reviews. BMC Med. 2025 Feb 21;23(1):103. doi: 10.1186/s12916-025-03930-5. PMID: 39985070; PMCID: PMC11846330.