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Zöliakie: Pathogenese

Klar ist, dass die Autoimmunerkrankung Zöliakie eine Reaktion auf das Klebereiweiß Gluten ist. Doch was löst diese Erkrankung aus? Hinter der Zöliakie steht eine komplexe Pathologie, die durch das Zusammenspiel genetischer und exogener Faktoren verursacht wird.


Genetische Faktoren bei Zöliakie

Ein gehäuftes Vorkommen der Zöliakie von 10-15% Prozent unter Verwandten ersten Grades und von rund 50-75% bei monozygoten Zwillingen spricht für eine genetische Beteiligung an der Pathogenese. Wichtig unter den Erbfaktoren ist das humane Leukozyten-Antigen-System (HLA-System), ein Genkomplex, dessen Aufgabe es ist, körperfremde Moleküle zu erkennen. Etwa 90% der Menschen mit Zöliakie tragen das Merkmal HLA-DQ2, nahezu alle übrigen exprimieren das Gen HLA-DQ8. Das Vorkommen der beiden Genkomplexe ist zwar notwendig, damit sich die Krankheit entwickeln kann, doch sind sie nicht allein dafür verantwortlich. Immerhin kommen diese Gene auch bei mehr als 30-40 Prozent der gesunden Bevölkerung vor.

Exogene Faktoren bei Zöliakie

Der einzige bisher bekannte exogene Faktor, der bei Zöliakie eine Rolle spielt, ist Gluten, ein Sammelbegriff für die Speicherproteine von Weizen, Roggen und Gerste. Diese Proteine weisen einen hohen Anteil an Prolin- und Glutaminresten auf und werden als Prolamine bezeichnet. Zu den Weizenprolaminen gehören Gliadine (α, γ und ω Gliadine) und Glutenine. Sie können von Magen- und Bauchspeicheldrüsenenzymen nicht vollständig abgebaut werden und lösen die adaptive Immunantwort bei Zöliakie aus.

Derzeit wird untersucht, ob und inwieweit zusätzliche Umweltfaktoren - etwa Infektionen und die Menge an aufgenommenem Gluten zusammen mit Veränderungen im Darmmikrobiom - eine Rolle bei der Krankheitsentwicklung spielen.

Pathophysiologie der Zöliakie

Gluten wird mit der normalen Ernährung üblicherweise in großen Mengen (10-20g) aufgenommen. Einige der Glutenpeptide werden von den Magen- und Bauchspeicheldrüsenenzymen nicht richtig abgebaut und über die Lamina propria (Dünndarmmukosa) transepithelial aufgenommen.

Die Transglutaminase (TG2, auch bekannt als Gewebetransglutaminase) deamidiert die Glutenpeptidreste, woraus eine bessere Bindung an HLA-DQ2 bzw. HLA-DQ8 auf antigenpräsentierenden Zellen (APC) resultiert und die Entzündungsreaktion potenziert wird.

TG2 versuracht auch die Verknüpfung von Molekülen, was zur Bildung von TG2-Gluten-Komplexen führt. Es kommt zur Aktivierung von:

  • T-Lymphozyten mit Ausschüttung von Zytokinen und Tumornekrosefaktor alpha (TNF-alpha).
  • B-Zellen mit Freisetzung von Antikörpern (Anti-tTG- und Anti-Gliadin-Antikörper).
  • Zytotoxischen Lymphozyten, die mit Darmepithelzellen interagieren, was zur Gewebezerstörung und Dünndarmatrophie beiträgt.

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Quellen

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