Dr. Schär Institute Logo

Weltweit hält sich jeder Zehnte für Nicht-Zöliakie-Gluten-/Weizensensitiv

Nicht-Zöliakie-Gluten-/Weizensensitivität (NCGWS) wird häufig selbst diagnostiziert und veranlasst weltweit Menschen ohne Zöliakie dazu, restriktive glutenfreie Diäten einzuhalten.


Etwa jeder zehnte Mensch weltweit gibt an, unter einer Nicht-Zöliakie-Gluten-/ Weizensensitivität zu leiden

Weltweit ernähren sich Menschen auch ohne Zöliakie-Diagnose glutenfrei, da sie nach dem Verzehr glutenhaltiger Lebensmittel gastrointestinale wie auch extraintestinale Symptome verspüren und eine glutenfreie Ernährung subjektiv Linderung verschafft. Diese Ernährungsumstellung erfolgt häufig auf Basis einer Selbstdiagnose einer Nicht-Zöliakie-Gluten-/Weizensensitivität (Non-Celiac Gluten and wheat sensitivity, NCGWS). Die Pathophysiologie dieser ist bislang nicht ausreichend geklärt. Es existieren keine spezifischen Biomarker, und die Abgrenzung zu anderen funktionellen Darmerkrankungen, insbesondere dem Reizdarmsyndrom, ist erschwert. Die Ausschlussdiagnostik beinhaltet einen Ausschluss von Zöliakie und Weizenallergie sowie eine subjektive Verbesserung der Symptomatik unter glutenfreier Ernährung. Vor diesem Hintergrund gewinnt eine differenzierte wissenschaftliche Einordnung der NCGWS zunehmend an Bedeutung.

In einer aktuellen Metaanalyse wurde die globale Prävalenz selbstberichteter NCGWS systematisch erfasst sowie deren klinische Charakteristika und mögliche assoziierte Faktoren analysiert. Ziel war es, das heterogene Beschwerdebild besser zu verstehen und Ansatzpunkte für eine differenziertere Diagnostik und Betreuung in der ernährungsmedizinischen und gastroenterologischen Praxis aufzuzeigen. Dabei wird das bislang gängige therapeutische Vorgehen kritisch hinterfragt und mögliche Zusammenhänge mit Stress, psychischen Faktoren und der Darm-Hirn-Achse beleuchtet.

Ursache der Nicht-Zöliakie-Gluten-/Weizensensitivität

Im Gegensatz zur Zöliakie, einer Autoimmunerkrankung mit messbaren Biomarkern, ist die Ursache der Nicht-Zöliakie-Gluten-/Weizensensitivität nicht vollständig erforscht. Da es keine spezifischen Blutmarker gibt, wird sie nur durch den Ausschluss anderer Ursachen bei Personen diagnostiziert, die nach dem Verzehr von Gluten über Beschwerden berichten. Der systematische Review und die Metaanalyse „Global prevalence of self-reported non-coeliac gluten and wheat sensitivity“ zeigt auf, dass weltweit etwa jeder Zehnte eine NCGWS angibt, erläutert mögliche Ursachen und hinterfragt das derzeitige klinische Vorgehen bei Nicht-Zöliakie-Gluten-/Weizensensitivität.

Methodik:

Shiha et al. untersuchten in ihrem systematischen Review und der Metaanalyse „Global prevalence of self-reported non-coeliac gluten and wheat sensitivity“ Daten aus 25 Studien, die zwischen 2014 und 2024 veröffentlicht wurden. Es wurden Daten von ca. 50.000 Personen aus 16 Ländern in Nord- und Südamerika, dem östlichen Mittelmeerraum, Europa, Südostasien und dem westlichen Pazifikraum erfasst. Untersucht wurden selbstgemeldete Gluten- oder Weizensensitivität, begleitende Symptome, soziodemografische Faktoren sowie Zusammenhänge mit psychischen Erkrankungen und funktionellen Darmerkrankungen. Das Studiendesign umfasste populationsbasierte Querschnittsstudien mit heterogenen Erhebungsmethoden.

Ergebnisse:

Etwa 10 % der Befragten gaben eine NCGWS an und wiederum 40 % dieser Personen hielten eine glutenfreie Ernährung ein. Die Prävalenz variierte stark zwischen den Ländern: es zeigte sich, dass Länder mit hohem Einkommen auch eine deutlich höhere Prävalenz an Selbstdiagnosen aufwiesen als Länder mit niedrigem oder mittlerem Einkommen. Selbst diagnostizierte Nicht-Zöliakie-Gluten-/Weizensensitivität war bei Frauen etwa doppelt so häufig wie bei Männern. Sie war auch stark mit Angstzuständen, Depressionen und Reizdarmsyndrom assoziiert. Folgende Symptome wurden am häufigsten von den Betroffenen genannt:

Gastrointestinale Symptome:

  • Blähungen
  • Unwohlsein
  • Übelkeit
  • Bauchschmerzen
  • Durchfall
  • Verstopfung

Extraintestinale Symptome:

  • Müdigkeit
  • Kopfschmerzen
  • Hautausschläge
  • Gelenkschmerzen

Weltweite Selbstdiagnosen der Nicht-Zöliakie-Gluten-/Weizensensitivität sind häufig

Die vorliegenden Daten zeigen, dass die weltweiten Selbstdiagnosen der Nicht-Zöliakie-Gluten-/Weizensensitivität häufig sind, jedoch kein klar umrissenes Krankheitsbild mit einheitlicher Pathophysiologie darstellen. Die starke Assoziation mit dem weiblichen Geschlecht, Angst, Depression und Reizdarmsyndrom sowie die hohe geografische Variabilität sprechen dafür, dass psychologische Faktoren und die Darm-Hirn-Achse eine zentrale Rolle spielen. Gluten selbst ist vermutlich nicht bei allen Betroffenen der primäre Auslöser. Auch andere Ursachen wie FODMAPs könnten symptomrelevant sein.

Die Autoren plädieren daher für eine Neubewertung der NCGWS als Störung der Darm-Hirn-Achse und für die Entwicklung standardisierter, symptomorientierter Diagnosekriterien. Künftige Forschung sollte klinische Phänotypen präzisieren, die Rolle psychischer Komorbiditäten weiter untersuchen und multidisziplinäre Therapieansätze jenseits der rein glutenfreien Ernährung evaluieren. Für die Praxis bedeutet dies: Eine glutenfreie Diät sollte bei fehlender Zöliakie-Diagnose nur nach differenzierter Diagnostik und unter fachlicher Begleitung erfolgen.

Quellen:

Anderer S. Gluten Sensitivity Is Common Around the World-Explanations Are Emerging. JAMA. 2025 Dec 16;334(23):2058-2059. doi: 10.1001/jama.2025.22366. PMID: 41236749.

Originalstudie:
Shiha MG, Manza F, Figueroa-Salcido OG, et al Global prevalence of self-reported non-coeliac gluten and wheat sensitivity: a systematic review and meta-analysis Gut 2026;75:502-510.

Das könnte Sie auch interessieren...

aaa

Ernährungstherapie der Nicht Zöliakie Gluten-/Weizensensitivität

Mehr erfahren